Ethik-Kodex 2000
Antworten auf die Frage nach dem Sinn
Welt-Ethik-Gipfel, Seebad Kühlungsborn
D. Fischer Verlag - ISBN 3-923135-46-7 - Seiten 207-212

RUNDE TISCHE
Schnittstelle zwischen Experten und Bevölkerung

with contributions from for example:

Bazon Brock, Allan Combs, Valentin Falin, Rudolf Prinz zur Lippe, Uwe Morawetz, Eva Quistorp, Monika Sachtleben, Waldemar Schneider, Britta Steilmann, John Taylor, Parto Teherani-Krönner, Jakob von Uexkuell, Helmut Volkmann, Karl-Friedrich Wessel

Rundgespräche - Eine wichtige Gesprächskultur als Voraussetzung für eine Ethik des Miteinander

Heiner Benking - Farah Lenser

Wie lassen sich die tagtäglichen Fragen, aber auch tiefgehende ethische Überlebensfragen auf den Punkt und Tisch bringen, wenn sich unsere Gesellschaft zu einer Showkultur, Politainment, und Teilnahmslosigkeit gepaart mit Selbstmitleid, Selbstbezogenheit, und Orientierungslosigkeit zwischen Apathie und Aggression entwickelt hat? Wir wollen hier aufbauend auf der Arbeit zu Dialog und Kreativität von David Bohm und Projekten von Anthony Judge zu einer integralen, systemischen Agenda mit verbundenen thematischen "runden" Tischen, hier unsere Erfahrungen zur "Gesprächskultur" einbringen. Dabei geht es darum Zuhören zu schenken, Stimme zu geben, und gemeinsam - "ko-kreativ" - neue Fäden zu knüpfen, und in gemeinsames Verstehen und Aktionen umzusetzen. Lösungswege: Das Gespräch hat in allen Kulturen seine besonderen Regeln. Immer gilt es eine Balance zwischen Einzel- und Gruppenstimmen und -interessen zu finden. Idealtypisch gelöst wurde dieses Problem in den traditionellen Kulturen der Indianer, wo bei beliebiger Zeit und mit großer Geduld jedes Mitglied der Gemeinschaft seine Stimme erheben und beliebig lange und in aller Tiefe sein Thema ausführen kann; auf der anderen Seite finden wir in hierarchisch organisierten Gesellschaften den Allein-Herrscher und -Redner, der einigen wenigen das Wort erteilt und abschneidet. Dazwischen finden wir in allen Kulturen die unterschiedlichsten Formen das Gespräch zu fördern oder zu behindern, von der Tafelrunde King Arthurs, Über literarische Salons und Talkshows bis hin zu gesetzlich geregelten Parteistrukturen, die dann demokratisch geregelt, das Gespräch zur Zeremonie oder Farce verkommen lassen und damit Stoff für unzählige Satiren liefern. In unserer Gesellschaft gilt das Wort "Gespräch" fast schon als etwas altmodisch, geläufiger erscheint uns die Diskussion, die erinnernd an "Perkussion" oft darin besteht, Meinungen in das Gehirn anderer Menschen einzubleuen, vergessend, daß das wirkliche Gespräch zwei aktive Teilnehmer verlangt, den Sprechenden und den Zuhörenden. Es handelt sich hierbei um einen Prozeß, in dem sich die Trennung zwischen den beiden aufhebt, schafft doch erst der Zuhärende den Raum, in dem der Sprechende seine Ideen entwickelt, so daß eine eindeutige Zuordnung der Urheberschaft von Ideen nicht mehr gegeben ist, die beiden Akteure des Gesprächs schaffen sozusagen eine neue Gestalt - eine Kunstperson - die mehr ist als die Addition der Gesprächsteilnehmer. Eine von vielen Möglichkeiten diesen Raum zu schaffen ist die Umsetzung der Idee von "Rundgesprächen" in denen sich das Gespräch durch die Vergabe von Zuhörzeit, Ermutigung symbolisiert durch Zeiteinheiten; lebendig und transparent selbst entwickeln kann, neues hervorbringt und die Menschen verzaubert; so werden durch die klare Ausrichtung und Begrenzung gemeinsame Interessen und Ziele entwickelt und gefördert, Synergien zeigen sich und zusätzlich zum "Ego und Ich" dem "Wir" Raum gegeben.

"Die Form des freien Dialogs kann sehr gut eines der effektivsten Möglichkeiten sein, die Krisen zu untersuchen, denen sich die Gesellschaft gegenübersieht. Mehr noch, es kännte sich herausstellen, daß diese Form des Austauschs von Ideen und Information von fundamentaler Bedeutung ist, um Kultur so zu verändern, daß Kreativität freigesetzt werden kann." David Bohm: On Dialogue

Das Gespräch wiederzuentdecken scheint eine der erfolgversprechensten Methoden zu sein, eine erstarrte, verkrustete Gesellschaft wieder in Bewegung zu bringen. Es wird auch viel Über Dialog gesprochen, vom Dialog der Kulturen, Über Interdisziplinarität und Austausch in der Wissenschaften anstelle von Abschottung und Konkurrenz, von Teambildung statt hierachischer Befehlstruktur in der Wirtschaft. Doch innerhalb der alten, ausgetretenen Strukturen bleiben solche Versuche, Dialog und Gespräch neu zu erfinden, oft wieder stecken. Dies hat sicherlich viele Gründe von der Aufrechterhaltung von Machtinteressen bis hin zu Phantasielosigkeit und Apathie. Wir glauben, daß die Kunst und damit das Spiel uns Wege weisen kann, wie ungewöhnliche Maßnahmen auf fremdem Terrain Übertragen, zu kreativen Lösungen führen können.

Spielregeln: Bei der Vorgabe von einer Stunde Gesamtzeit und sieben Gesprächsteilnehmenden werden jeweils sieben Minuten Redezeit, symbolisiert in Form von Steinen, Nudeln, Nüssen etc. an jede Person verteilt. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde, in der jede Person kurz sich und ihr Anliegen skizziert, kännen diese Zeiteinheiten verschenkt und damit in Zuhörzeit umgewandelt werden. In der Regel beginnt die Person, die die meisten Zeiteinheiten bekommen hat, mit der Eröffnung des Gesprächs, sie kann - muß aber nicht - solange reden, wie sie Zeit zur Verfügung hat. Eine Moderatorin achtet auf Einhaltung der Regeln und die Zeit und nimmt die Zeiteinheiten an sich, wenn diese verbraucht sind. Hat eine Person ihre Redezeit verbraucht, also keine Zeiteinheiten mehr vor sich liegen, können die anderen - bei Interesse - ihre eigene Redezeit als Zuhörzeit verschenken, und so die Person ermutigen, ihr Thema weiter zu entwickeln. Auf diese Weise bleibt das Gespräch dynamisch und transparent - es gibt keine starren Redezeitbegrenzungen wie in Üblichen Diskussionsgruppen, sondern das Zuhören wird als aktiver Bestandteil des Gesprächs und als besondere Qualität erkannt, da die Inhalte das Interesse der gesamten Gruppe zu dieser Zeit und an diesem Ort symbolisieren. Durchaus kann eine Person auch in diesem Spiel die gesamte Redezeit bekommen, wenn sie in dem Moment zum Medium oder Katalysator der gesamten Gruppe wird, und wenn die Teilnehmer dies wünschen.

Rückblick und Zusammenhang:
Der Wunsch Gespräche zu strukturieren, Redner auszuwählen und Redezeit gerecht, also gleichmäßig, zu verteilen, ist genauso alt wie unbefriedigend. Doch wie die Zukunft ist auch Kreativität und das Gespräch nicht planbar. Wie bei einer Rückschau lassen sich zwar bekannte Beiträge einladen und wiederholen, doch es passiert wenig Neues, wenn nicht der Dialog und das Gespräch andere und neue Sichtweisen hervorbringen. Aufbauend auf Dialogkreisen mit Anthony Judge aus Brüssel, wo mit der Idee, Redezeit als freien Kredit in Umlauf zu bringen und in einer Bank zu verwalten, Gedankenexperimente durchgespielt wurden, haben wir unsere Erfahrung und die Idee umgesetzt. Zentral ist dabei die Vorstellung, daß Wert von Redezeit steigt, wenn jemand sie verschenkt und damit eine andere Person bestätigt und ermutigt, wodurch Resonanz und Synthese im Gespräch fühlbar und sichtbar werden. Ein weiterer Ursprung dieser Methode liegt in politischen Dialogen, bei denen sich Politiker, Militärs, Journalisten, Umweltschützer und Unternehmer zur Klausur zurückziehen, um offen miteinander zu reden, ohne befürchten zu müssen, daß am nächsten Tag aus dem Zusammenhang gerissene Details in der Tagespresse auftauchen. Dabei geht es darum, neue und alte Sicht- und Denkweisen kennen zulernen, sie zu verbinden und dabei möglichst oft seine Meinung in Frage zu stellen, vielleicht sogar bewußt in die Rolle der anderen Partei zu schlüpfen und damit den eigenen Blick und Horizont zu erweitern.

Verantwortungstragende sind leider zu oft einsam, verbittert und so in Ihrer Wahrnehmung eingeschränkt. Dadurch, daß sie Öffentlichkeit als Publikum mißverstehen, schließen sie sich selbst aus der Gemeinschaft aus; Verständnis und Mitgefühl können sich so nicht entwickeln. Doch gerade diese sind Grundbedingungen für Kreativität und Offenheit, die jedoch im gesellschaftlichem und politischen Dialog oft fehlen, da ja nur vereinfachte "Plattitüden" im Minutentakt über den Äther kommen können. Aus dieser Misere resultierten Überlegungen, wie das "Gewicht" einzelner Teilnehmer und das gemeinsame Interesse aller in eine Balance zu bringen sind. Individuelle Interessen sollen dabei berücksichtigt, Dauerredner und Alleinunterhalter jedoch gemäßigt werden und so in der Gruppe aufgehen können. Das Maß dabei ist nicht Willkür einzelner sondern das momentane transparente und sich selbst organisierende Gruppeninteresse. Ein Schritt in diese Richtung ist Einführung einer "Währung" von Zeit-Kredit, die als "Maß" nicht Redegewaltigkeit oder Einfluß, sondern das Interesse zuhören zu wollen, wiederspiegelt. Damit ist ein erster Schritt getan - von einem vorgegebenen Dialog mit Tagesordnung zu einem offenen Modell, das auf Überraschung, Bestätigung und gemeinsamen Ideen basiert, und damit zur Katalyse und Synthese. Manipulationsversuche auf der einen Seite, die Gabe packend zu reden auf der anderen Seite, stellen sich so einer Transparenz, einer Offensichtlichkeit, worüber momentan entsprechend der Wünsche aller gesprochen werden soll. Einmal nicht zu Wort zu kommen oder der Wunsch die Redezeit nicht zu verschenken, sondern selbst zu beanspruchen werden wahrgenommen. Die Gesprächskultur liegt im Abwägen der Potentiale, dem "Empowerment" von sonst ungehörten Stimmen, der Abschätzung von Wichtigkeiten, der Angebote und der Signale, der Visualisierung von Interesse und Anteilnahme. Da die Natur in Zeiten des Wandels Neues und Überraschendes schafft, sollten wir da nicht auch Raum in Gruppen für Unerwartetes, Gemeinsames und Neues schaffen und gewähren, gemeinsam kreativ an anderen Sichten und Lösungen arbeiten?

*

Heiner Benking ist engagierter Generalist, Berater, Starter, und Grenzgänger. Sein Berufsweg begann 1968 als Landmesser, Planer und Modellbauer..., - er arbeitet(e) in der Stadt- und Landesplanung, Technologie- und Management-, Marketing- und Strategieberatung in Deutschland und anderswo. Wichtige Stationen der letzten Jahre waren "Denkwerkstätten" wie das FAW in Ulm, der Club of Budapest, und das Maastricht McLuhan Institut, und als Impuls für viele Aktivitäten die Mitwirkung bei der GLOBAL CHANGE Ausstellung für das Bundeskanzleramt im Mai 1990. Sein besonderes Augenmerk liegt im Bereich der Entscheidungsunterstützung, Mediation, Gesprächskultur und neuen Kongreßformen. Sein "Zeitkredit" Gesprächsspiel dient dazu Realitäten zu teilen, neuen Stimmen ein Podium zu geben, Bewußtsein für gemeinsame Zeit und Aufmerksamkeit zu entwickeln.

Farah Lenser ist Soziologin, Journalistin und Körpertherapeutin und leitet mit Maik Hosang das Rudolf Bahro Archiv an der Humboldt-Universität zu Berlin. Ihre Interessen liegen im Bereich sozialer Verantwortung und künstlerischer Aktion - wie durch Gesprächskultur und Körperarbeit alle Sinne miteinbezogen werden können. Sie ist Mitbegründerin des "Co-Laboratory" Berlin des Noetic Sciences Institute, das sich um den Austauch zwischen den Kulturen und um die Erforschung von außergewöhnlichen Bewußtseinszuständen bemüht. Sie absolvierte ein Graduiertenkolleg zur Qualitativen Sozialforschung an der FU Berlin. und erforscht in diesem Zusammenhang die Bedeutung schamanischer Ansätze für die Entwicklung von Lösungsansätzen zu Problemen unserer modernen Gesellschaft. Sie arbeitet mit Heiner Benking an der Wiederbelebung von Gesprächskultur durch "offene" Runde Tische, Gesprächskreise, in denen Beweger und Beobachter zusammengebracht werden und der Monolog Einzelner als Impuls zur Umsetzung durch viele verstanden werden kann.

siehe auch:

Re-Invent Democracy 1999: RUNDE TISCHE - Schnittstelle zwischen Experten und Bevölkerung, Rundgespräche - Eine wichtige Gesprächskultur als Voraussetzung für eine Ethik des Miteinander,
Auf dem Weg zu einer individuellen und kollektiven Ethik,  ...Gespräch: Geschichten und Visionen als Rüstzeug für Entscheidungen